Deutschland verliert Tankstellen – während Deutsche nebenan Schlange stehen

Der Tanktourismus setzt deutsche Grenztankstellen unter Druck

Wer heute in einer deutschen Grenzregion unterwegs ist, erlebt ein ungewöhnliches Bild: Auf deutscher Seite stehen manche Zapfsäulen leer – wenige Kilometer weiter, in Polen oder Tschechien, bilden sich Schlangen.

Der Grund ist ein erheblicher Preisunterschied beim Kraftstoff.

Für Autofahrer ist die Rechnung einfach: Wenn der Liter im Nachbarland deutlich günstiger ist, lohnt sich die Fahrt über die Grenze. Für deutsche Tankstellenbetreiber kann genau dieser Preisunterschied dagegen existenzbedrohend werden.

Eine konkrete Zahl, wie viele deutsche Tankstellen deshalb bereits geschlossen haben, gibt es allerdings nicht. Eine solche Statistik wird weder bundesweit noch für die Grenzregionen geführt.

Was sich dagegen eindeutig feststellen lässt: Das deutsche Tankstellennetz schrumpft, und die Umsätze der Tankstellen stehen unter erheblichem Druck.


Weniger als 14.000 Straßentankstellen

Nach Angaben des Bundesverbands freier und unabhängiger Tankstellen (bft) gibt es 2026 in Deutschland erstmals weniger als 14.000 Straßentankstellen.

Damit setzt sich ein langfristiger Strukturwandel fort.

Eine Tankstelle ist allerdings nicht automatisch wegen des Tanktourismus verschwunden. Betreiberwechsel, wirtschaftliche Rentabilität, Investitionskosten, Veränderungen beim Mobilitätsverhalten und die zunehmende Bedeutung alternativer Antriebe spielen ebenfalls eine Rolle.

Deshalb wäre die Aussage „Tankstellen schließen wegen Polen oder Tschechien“ zu pauschal.

Richtig ist vielmehr:

Der Tanktourismus ist ein zusätzlicher Wettbewerbsdruck – besonders dort, wo die Grenze nur wenige Kilometer entfernt liegt.


An der Grenze wird der Preisunterschied sichtbar

Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung an der deutsch-polnischen Grenze.

In Regionen rund um Görlitz und Zittau fahren zahlreiche deutsche Autofahrer zum Tanken nach Polen. Medienberichte aus dem Jahr 2026 dokumentierten wiederholt erhebliche Preisunterschiede.

Im Frühjahr lagen die Unterschiede teilweise bei rund 40 Cent je Liter Diesel. Im weiteren Jahresverlauf wurden je nach Zeitpunkt und Kraftstoff noch größere Differenzen berichtet.

Im August 2026 wurden teilweise Preisvorteile von 40 bis 60 Cent je Liter genannt. In einzelnen Berichten war sogar von noch größeren Unterschieden die Rede.

Für einen Autofahrer mit einem 60-Liter-Tank bedeutet ein Preisunterschied von 50 Cent:

30 Euro Ersparnis bei einer einzigen Tankfüllung.

Bei einem Fahrzeug, das beispielsweise zweimal im Monat vollgetankt wird, können daraus mehrere hundert Euro im Jahr werden.

Für viele Verbraucher ist die Entscheidung damit wirtschaftlich nachvollziehbar.


Zittau zeigt das Problem besonders deutlich

Die Situation in Zittau ist ein Beispiel dafür, wie stark sich der Wettbewerb entlang der Grenze verschieben kann.

Während deutsche Tankstellen um Kunden kämpfen, fahren Autofahrer wenige Kilometer weiter nach Polen.

Der MDR berichtete 2026 über die schwierige Situation der verbliebenen Tankstellen in der Region. Gleichzeitig wurden lange Schlangen deutscher Autofahrer an polnischen Tankstellen beobachtet.

Auch einzelne deutsche Tankstellenstandorte verschwinden.

Dabei muss allerdings genau unterschieden werden: Eine geschlossene oder abgerissene Tankstelle ist noch kein Beweis dafür, dass die Ursache der Tanktourismus war.

Genau diese Unterscheidung ist bei der Betrachtung der Entwicklung entscheidend.


Die Umsätze zeigen den Druck

Noch deutlicher als die Zahl der Tankstellen zeigen die Umsatzdaten die wirtschaftliche Entwicklung.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lagen die realen Umsätze der Tankstellen im Juli 2026 um 9,3 Prozent unter dem Vorjahresmonat.

Im April 2026 betrug der Rückgang sogar 10,3 Prozent.

Das bedeutet:

Die Tankstellen setzten preisbereinigt deutlich weniger um, obwohl die nominalen Umsätze aufgrund höherer Preise teilweise stiegen.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Wenn der Liter Kraftstoff teurer wird, kann eine Tankstelle nominal mehr Umsatz erzielen, obwohl tatsächlich weniger Kraftstoff verkauft wird.


Warum Polen und Tschechien so attraktiv sind

Der Tanktourismus ist kein neues Phänomen.

Doch große Preisunterschiede verstärken ihn erheblich.

Für die Unterschiede gibt es mehrere Ursachen:

  • unterschiedliche Steuern und Abgaben
  • unterschiedliche Kostenstrukturen
  • unterschiedliche Wettbewerbssituationen
  • nationale Preisentwicklungen
  • staatliche Maßnahmen zur Beeinflussung der Kraftstoffpreise

Gerade bei Grenzregionen kommt ein weiterer Faktor hinzu:

Die Entfernung zur günstigeren Tankstelle ist gering.

Was für einen Autofahrer in München keine Rolle spielt, kann für einen Bewohner von Görlitz oder Zittau wirtschaftlich interessant sein.

Die Grenze wird damit zu einer Art unsichtbarer Preislinie.


Die paradoxe Situation

Damit entsteht ein bemerkenswerter wirtschaftlicher Effekt.

Deutschland verfügt über ein dichtes Tankstellennetz und hohe Kraftstoffpreise.

Direkt hinter der Grenze können Autofahrer teilweise erheblich günstiger tanken.

Das führt dazu, dass Geld, das früher bei deutschen Tankstellen ausgegeben wurde, zunehmend im Nachbarland landet.

Für den einzelnen Autofahrer kann das eine sinnvolle Möglichkeit sein, Kosten zu sparen.

Für eine deutsche Grenztankstelle bedeutet es dagegen:

weniger Kunden – weniger Liter – weniger Umsatz.

Und wenn dieser Zustand dauerhaft anhält, kann irgendwann die wirtschaftliche Frage entstehen, ob sich der Betrieb eines Standortes noch lohnt.


Was wir wissen – und was nicht

Belegt ist:

Das deutsche Tankstellennetz schrumpft.

2026 gibt es erstmals weniger als 14.000 Straßentankstellen.

Die realen Tankstellenumsätze sind deutlich zurückgegangen.

Im April 2026 betrug der Rückgang gegenüber dem Vorjahr 10,3 Prozent, im Juli 9,3 Prozent.

Der Tanktourismus in den Grenzregionen ist real.

Medienberichte dokumentieren regelmäßig deutsche Autofahrer an Tankstellen in Polen und Tschechien.

Die Preisunterschiede können erheblich sein.

In den Berichten aus 2026 wurden teilweise Unterschiede von mehreren Dutzend Cent je Liter genannt.

Nicht belegt ist:

Wie viele deutsche Tankstellen ausschließlich aufgrund des Tanktourismus geschlossen haben.

Dafür existiert keine belastbare Statistik.

Eine Tankstellenschließung kann zahlreiche Ursachen haben. Deshalb wäre es unseriös, jede verschwundene Tankstelle automatisch dem Tanktourismus zuzuschreiben.


Ein Problem, das über den Benzinpreis hinausgeht

Die Entwicklung ist deshalb auch wirtschaftspolitisch interessant.

Eine Grenze trennt zwar zwei Länder – aber nicht unbedingt zwei Märkte.

Wenn Waren oder Dienstleistungen auf der anderen Seite dauerhaft deutlich günstiger sind, reagieren Verbraucher.

Sie fahren dorthin, wo es billiger ist.

Beim Kraftstoff ist dieser Effekt besonders sichtbar, weil der Preisunterschied direkt an der Zapfsäule wahrgenommen wird.

Das Beispiel zeigt damit ein grundlegendes Prinzip europäischer Märkte:

Verbraucher orientieren sich nicht an nationalen Grenzen, sondern zunehmend am Preis.

Gerade für Unternehmen in Grenzregionen kann das erhebliche Folgen haben.


Die entscheidende Frage für die kommenden Jahre

Die Zahl der Tankstellen wird wahrscheinlich nicht allein durch den Tanktourismus bestimmt werden.

Elektromobilität, verändertes Mobilitätsverhalten, alternative Kraftstoffe, steigende Kosten und neue Geschäftsmodelle werden die Branche ebenfalls verändern.

Der Tanktourismus kann diesen Strukturwandel jedoch in bestimmten Regionen beschleunigen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

„Wie viele Tankstellen sind wegen Polen bereits geschlossen?“

Dafür gibt es keine belastbare Zahl.

Die interessantere Frage lautet:

„Wie lange kann eine Tankstelle an der deutschen Grenze wirtschaftlich bestehen, wenn ihre Kunden regelmäßig wenige Kilometer weiter deutlich günstiger tanken können?“

Diese Frage betrifft nicht nur Tankstellenbetreiber.

Sie betrifft auch Steuern, Wettbewerb, regionale Wirtschaftskraft und letztlich die Frage, wo das Geld der Verbraucher ausgegeben wird.


Quellen und Datenstand

Die Darstellung basiert auf veröffentlichten Angaben und Medienberichten aus 2026, unter anderem des Statistischen Bundesamtes, des Bundesverbands freier und unabhängiger Tankstellen sowie regionaler Berichterstattung des MDR und weiterer Medien.

Datenstand: September 2026.

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