NEW BANKING – Finanzen sichtbar gemacht
Serie 2 – Folge 3
Wem gehört eigentlich das Geld auf meinem Bankkonto?
10.000 Euro.
Sie schauen auf Ihr Girokonto und sehen: 10.000 € Guthaben.
Für Sie ist die Sache klar: Das sind Ihre 10.000 Euro.
Aber eine interessante Frage stellt sich:
Wo sind diese 10.000 Euro eigentlich?
Liegen sie irgendwo in einem Tresor?
Sind sie bei der Bundesbank hinterlegt?
Oder existieren sie überhaupt nicht als Bargeld?
Die Antwort führt direkt ins Zentrum unseres heutigen Geldsystems.
Das Geld auf dem Konto ist kein Bargeld
Das Guthaben auf einem Girokonto wird als Buchgeld oder Giralgeld bezeichnet.
Es ist kein Stapel Geldscheine, der irgendwo für Sie bereitliegt.
Die Deutsche Bundesbank beschreibt Buchgeld als „stoffloses“ Geld, das als elektronischer Datensatz auf Bankkonten existiert und von Konto zu Konto übertragen werden kann.
Wenn auf Ihrem Konto steht:
10.000 €
dann bedeutet das zunächst:
Die Bank schuldet Ihnen 10.000 €.
Ihr Kontoguthaben ist also gleichzeitig eine Verbindlichkeit Ihrer Bank.
Ein einfaches Beispiel
Stellen wir uns vor:
Sie haben 10.000 € auf Ihrem Girokonto.
In der Bilanz der Bank steht vereinfacht:
Auf der Aktivseite:
Vermögenswerte der Bank
Auf der Passivseite:
+ 10.000 € Einlage Ihres Kunden
Für Sie ist das Guthaben ein Vermögenswert.
Für die Bank ist dasselbe Guthaben eine Verbindlichkeit.
Das klingt zunächst widersprüchlich.
Ist es aber nicht.
Denn eine Bilanz beschreibt dieselbe wirtschaftliche Beziehung aus zwei Perspektiven.
Und wo ist das Geld?
Hier liegt ein weit verbreitetes Missverständnis.
Wenn Sie 10.000 € auf Ihrem Konto haben, bedeutet das nicht, dass die Bank einen Umschlag mit 10.000 € Bargeld für Sie aufbewahrt.
Ihr Guthaben ist Buchgeld.
Wenn Sie beispielsweise 2.000 € überweisen, wird nicht Ihr persönlicher Geldschein aus einem Tresor genommen und verschickt.
Stattdessen werden Kontostände und Forderungen innerhalb des Zahlungssystems verändert.
Das Geld bewegt sich also nicht wie ein Geldschein von A nach B.
Die Buchungen verändern sich.
Und jetzt wird es noch interessanter
Denn Buchgeld entsteht nicht ausschließlich dadurch, dass jemand vorher Bargeld bei einer Bank einzahlt.
Geschäftsbanken können bei der Vergabe eines Kredits neues Buchgeld schaffen.
Die Bundesbank beschreibt den Vorgang vereinfacht so:
Eine Bank gewährt einem Kunden beispielsweise einen Kredit und schreibt ihm den entsprechenden Betrag auf seinem Konto gut.
Damit entsteht eine neue Einlage.
Neues Buchgeld.
Ein Beispiel
Sie beantragen bei Ihrer Bank einen Kredit über:
300.000 €
Die Bank genehmigt den Kredit.
Was passiert?
Die Bank schreibt Ihnen 300.000 € auf Ihrem Konto gut.
Gleichzeitig entsteht in der Bilanz der Bank eine Forderung gegen Sie:
Sie schulden der Bank 300.000 €.
Damit stehen sich vereinfacht zwei Positionen gegenüber:
Bank
+ 300.000 € Kreditforderung
und
+ 300.000 € Kundeneinlage
Das neue Buchgeld ist entstanden.
Bedeutet das, Banken können unbegrenzt Geld erzeugen?
Nein.
Das wäre eine falsche Schlussfolgerung.
Die Möglichkeiten der Banken sind begrenzt – unter anderem durch ihre eigene wirtschaftliche Situation, Regulierung, Eigenkapitalanforderungen, Liquidität, Risiken und die Nachfrage nach Krediten.
Auch die Zentralbank und das Eurosystem beeinflussen die Bedingungen, unter denen Banken wirtschaften. Die Bundesbank weist ausdrücklich darauf hin, dass die Geldschöpfungsmöglichkeiten der Geschäftsbanken nicht unbegrenzt sind.
Es handelt sich also nicht um einen beliebigen Mechanismus nach dem Motto:
„Die Bank drückt einen Knopf und erschafft beliebig viel Geld.“
Das tatsächliche System ist wesentlich komplexer.
Was passiert, wenn der Kredit zurückgezahlt wird?
Auch das ist interessant.
Wenn ein Kreditnehmer seinen Kredit tilgt, wird das zuvor geschaffene Buchgeld grundsätzlich wieder reduziert.
Vereinfacht:
Kredit entsteht → Buchgeld entsteht
Kredit wird getilgt → Buchgeld wird wieder vernichtet
Auch diesen Zusammenhang beschreibt die Bundesbank in ihren Erläuterungen zur Geldschöpfung.
Jetzt zurück zu Ihren 10.000 €
Sie sehen auf Ihrem Konto:
10.000 €
Diese 10.000 € sind für Sie wirtschaftlich real.
Sie können damit:
- einkaufen,
- Rechnungen bezahlen,
- Geld überweisen,
- Bargeld abheben,
- oder es auf ein anderes Konto übertragen.
Aber:
Es handelt sich nicht um 10.000 € Bargeld.
Es handelt sich um eine Einlage bei Ihrer Bank.
Und genau diese Unterscheidung ist für das Verständnis unseres Finanzsystems entscheidend.
Bargeld und Buchgeld sind nicht dasselbe
| Bargeld | Buchgeld |
|---|---|
| Banknoten und Münzen | Kontoguthaben |
| Zentralbankgeld | Geld einer Geschäftsbank |
| Physisch vorhanden | Elektronisch verbucht |
| Direkte Forderung gegenüber dem Eurosystem | Forderung gegenüber der Geschäftsbank |
| Kann ohne Bankkonto übertragen werden | Wird über Konten und Zahlungssysteme übertragen |
Die Deutsche Bundesbank unterscheidet entsprechend zwischen Zentralbankgeld und dem von Geschäftsbanken geschaffenen Buchgeld. Geschäftsbanken können Buchgeld, aber kein Zentralbankgeld in Form von Banknoten oder Münzen schaffen.
Warum ist diese Unterscheidung so wichtig?
Weil wir im Alltag fast nie darüber nachdenken.
Wenn wir im Supermarkt 100 € mit Karte bezahlen, sehen wir keinen Geldschein.
Wenn unser Gehalt überwiesen wird, kommt kein Geldtransporter.
Wenn wir eine Rechnung bezahlen, wird kein Bündel Banknoten von unserem Konto genommen.
Unser modernes Finanzsystem funktioniert überwiegend über Buchungen.
Und genau deshalb ist die Frage:
„Wo ist mein Geld eigentlich?“
viel interessanter, als sie zunächst klingt.
Der nächste Schritt
Damit kommen wir zu einer noch spannenderen Frage:
Wenn Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe neues Buchgeld schaffen können –
was passiert eigentlich mit diesem Geld im gesamten Wirtschaftssystem?
Und noch wichtiger:
Wie viel neues Geld kann ein Bankensystem überhaupt schaffen?
Das ist das Thema unserer nächsten Folge.
Fazit
Die 10.000 € auf Ihrem Girokonto liegen nicht als zehn 1.000-Euro-Scheine oder als entsprechender Bargeldstapel in einem Tresor.
Sie sind Buchgeld – ein elektronisch verbuchtes Guthaben und damit eine Forderung gegenüber Ihrer Bank.
Geschäftsbanken können im Rahmen des bestehenden Systems durch Kreditvergabe neues Buchgeld schaffen. Dieses Geld entsteht durch Buchungen und wird bei der Tilgung von Krediten grundsätzlich wieder reduziert.
Das bedeutet:
Unser Geldsystem besteht nicht nur aus Geldscheinen.
Ein großer Teil unseres Geldes existiert als Forderungen, Verbindlichkeiten und elektronische Buchungen.
Und genau hier beginnt die eigentliche Geschichte unseres modernen Finanzsystems.
NEW BANKING – Finanzen sichtbar gemacht
Wir machen abstrakte Finanzthemen verständlich – sachlich, nachvollziehbar und ohne Wertung.

