NEW BANKING – Finanzen sichtbar gemacht

Serie 2 · Das unsichtbare Finanzsystem · Folge 4

29 zu 1 – heute nur noch 10 zu 1

Wie viele Beitragszahler finanzieren eigentlich einen Pflegebedürftigen?

Bei der Rente haben wir uns bereits angeschaut, wer in ein Sozialsystem einzahlt, wer Leistungen erhält und welche Rolle der Staat bei der Finanzierung spielt.

Jetzt wechseln wir das System.

Von der Rente zur Pflege.

Und auch hier gibt es eine Zahl, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt – aber eine enorme Entwicklung sichtbar macht:

1998

29 Beitragszahlende

für

1 Leistungsempfänger

Heute sieht das Verhältnis ganz anders aus.

2025

waren es nur noch

10 Beitragszahlende

für

1 Leistungsempfänger.

Das Bundesgesundheitsministerium nennt diese Entwicklung ausdrücklich als Folge des demografischen Wandels und der steigenden Zahl Pflegebedürftiger.


Das ist unser Zahlenspiel

Stellen wir uns zunächst 30 Menschen vor.

Im Jahr 1998 hätte man vereinfacht dargestellt:

29 Menschen zahlen ein

1 Mensch erhält Leistungen

Das System hatte also ein Verhältnis von:

29 : 1

Heute stellen wir uns dagegen nur noch 11 Menschen vor:

10 Beitragszahlende

1 Leistungsempfänger

Das Verhältnis:

10 : 1

Natürlich handelt es sich dabei um eine vereinfachte Darstellung.

Es bedeutet nicht, dass exakt zehn bestimmte Menschen den Pflegebedarf eines bestimmten Menschen finanzieren.

Aber die Größenordnung zeigt etwas Entscheidendes:

Auf immer weniger Beitragszahlende kommen immer mehr Leistungsempfänger.

Und genau das ist für ein umlagefinanziertes Versicherungssystem von großer Bedeutung.


Immer mehr Menschen benötigen Pflege

Im Dezember 2023 waren in Deutschland knapp 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes.

Die Entwicklung ist bemerkenswert.

1999:

2,02 Millionen

2009:

2,34 Millionen

2019:

4,13 Millionen

2023:

5,69 Millionen

Und inzwischen liegt die Zahl nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums bei über 6 Millionen Pflegebedürftigen.

Damit hat sich die Zahl seit Ende der 1990er Jahre ungefähr verdreifacht.


Aber hier steckt eine wichtige Besonderheit

Man könnte jetzt einfach sagen:

„Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, weil Deutschland immer älter wird.“

Das ist grundsätzlich richtig – aber es erklärt nicht die gesamte Entwicklung.

Das Statistische Bundesamt weist darauf hin, dass die Zahl der Pflegebedürftigen zwischen 2021 und 2023 um rund 730.000 beziehungsweise 15 Prozent gestiegen ist.

Der rein demografiebedingte Anstieg wurde für diesen Zeitraum dagegen auf etwa 100.000 geschätzt.

Ein Teil des starken Anstiegs hängt mit der Einführung des weiter gefassten Pflegebedürftigkeitsbegriffs im Jahr 2017 zusammen. Seitdem werden Menschen anders und teilweise früher als pflegebedürftig eingestuft.

Auch hier gilt deshalb:

Eine Zahl braucht eine Erklärung.


Und wer wird eigentlich gepflegt?

Eine weitere Zahl überrascht:

Von den knapp 5,7 Millionen Pflegebedürftigen im Jahr 2023 wurden rund 4,9 Millionen zu Hause versorgt.

Das entspricht:

86 Prozent

Nur etwa 800.000 Menschen wurden vollstationär in Pflegeheimen betreut.

Das bedeutet:

Die Pflegeversicherung besteht keineswegs nur aus Pflegeheimen.

Der größte Teil der Pflege findet zu Hause statt.

Und dabei spielen Angehörige eine enorme Rolle.


3,1 Millionen Menschen – Pflege durch Angehörige

Im Jahr 2023 wurden rund 3,1 Millionen Pflegebedürftige ausschließlich durch Angehörige versorgt und erhielten dafür Pflegegeld.

Das sind mehr als die Hälfte aller Pflegebedürftigen.

Oder anders:

Ein großer Teil der Pflege findet nicht in einer professionellen Einrichtung statt, sondern zu Hause – häufig durch Familienmitglieder.

Das ist eine Leistung, die im täglichen Leben kaum als Teil eines großen Finanzsystems wahrgenommen wird.

Aber sie ist für das gesamte System enorm wichtig.

Denn würde diese Pflege vollständig durch professionelle Dienstleistungen ersetzt, würde sich die finanzielle Belastung erheblich verändern.


Was zahlt die Pflegeversicherung?

Seit dem 1. Januar 2025 beträgt der reguläre Beitragssatz zur sozialen Pflegeversicherung:

3,6 Prozent

der beitragspflichtigen Einnahmen.

Für Kinderlose beträgt der Beitrag einschließlich Zuschlag:

4,2 Prozent.

Grundsätzlich teilen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber den regulären Beitrag jeweils zur Hälfte.

Der Kinderlosenzuschlag wird allein von den Beschäftigten getragen.

Für einen Arbeitnehmer mit beispielsweise:

4.000 Euro Bruttogehalt

bedeutet das – außerhalb Sachsens und bei einem Elternteil mit einem Kind – grundsätzlich:

1,8 Prozent Arbeitnehmeranteil

=

72 Euro

plus

1,8 Prozent Arbeitgeberanteil

=

72 Euro

zusammen:

144 Euro

Pflegeversicherungsbeitrag.

Bei Kinderlosen kommt der zusätzliche Arbeitnehmeranteil hinzu.


Aber was passiert mit diesen Beiträgen?

Auch die Pflegeversicherung funktioniert grundsätzlich nach dem Prinzip der laufenden Finanzierung.

Die Beiträge der heute Versicherten werden nicht einfach individuell für die eigene spätere Pflege zurückgelegt.

Sie finanzieren die Leistungen der sozialen Pflegeversicherung.

Das bedeutet:

Der heutige Beitragszahler finanziert mit seinem Beitrag das heutige System.

Und wenn er selbst später pflegebedürftig wird, soll die dann bestehende Gemeinschaft seine Pflegeleistungen mitfinanzieren.


Genau hier liegt das Problem

Wenn das Verhältnis von Beitragszahlenden zu Leistungsempfängern sinkt, verändert sich die finanzielle Grundlage.

1998:

29 : 1

2025:

10 : 1

Das bedeutet:

Für einen Leistungsempfänger stehen heute rechnerisch deutlich weniger Beitragszahlende zur Verfügung als noch vor rund 25 Jahren.

Und gleichzeitig steigt die Zahl der Pflegebedürftigen.

Das ist eine doppelte Belastung:

mehr Leistungsempfänger

weniger Beitragszahlende je Leistungsempfänger

=

steigender Finanzierungsdruck.


Die Beiträge wurden bereits erhöht

Die Entwicklung ist nicht neu.

Zum 1. Januar 2025 wurde der Beitragssatz zur sozialen Pflegeversicherung um 0,2 Prozentpunkte auf 3,6 Prozent angehoben.

Das Bundesgesundheitsministerium erwartete dadurch für 2025 rechnerische Mehreinnahmen von rund 3,7 Milliarden Euro.

Gleichzeitig wurden die Leistungsbeträge der Pflegeversicherung zum Jahresbeginn 2025 um 4,5 Prozent erhöht.

Diese Anpassung hatte ein Gesamtvolumen von rund 1,8 Milliarden Euro.

Damit sehen wir einen klassischen Kreislauf:

Beiträge steigen

Einnahmen steigen

aber gleichzeitig:

Leistungsbeträge steigen

Ausgaben steigen

Und wenn zusätzlich die Zahl der Leistungsempfänger zunimmt, entsteht weiterer Druck.


Das unsichtbare Problem

Die Pflegeversicherung ist deshalb ein gutes Beispiel für etwas, das man im Alltag kaum wahrnimmt.

Auf der Gehaltsabrechnung steht vielleicht:

Pflegeversicherung: 72,00 €

Das sieht überschaubar aus.

Aber dahinter steht ein gigantisches System.

Millionen Menschen zahlen jeden Monat Beiträge.

Millionen Menschen sind versichert.

Mehr als sechs Millionen Menschen sind inzwischen pflegebedürftig.

Und das Verhältnis zwischen Beitragszahlenden und Leistungsempfängern hat sich innerhalb einer Generation drastisch verändert.


Und dann kommt die Familie ins Spiel

Das vielleicht erstaunlichste Detail:

Von den rund 5,7 Millionen Pflegebedürftigen im Jahr 2023 wurden etwa:

3,1 Millionen

ausschließlich durch Angehörige versorgt.

Weitere:

1,1 Millionen

wurden zu Hause mit Unterstützung ambulanter Pflege- und Betreuungsdienste versorgt.

Das bedeutet:

Die Familie ist ein Teil des Pflegesystems.

Nicht unbedingt als Beitragszahler.

Sondern als Pflegende.

Eltern pflegen ihre Kinder.

Kinder pflegen ihre Eltern.

Ehepartner pflegen ihre Partner.

Und diese unbezahlte beziehungsweise nicht vollständig über die Pflegeversicherung vergütete Arbeit reduziert gleichzeitig den Bedarf an professionellen Pflegeleistungen.


Was würde passieren, wenn Angehörige diese Arbeit nicht mehr leisten könnten?

Das ist eine interessante Frage.

Nehmen wir die 3,1 Millionen Menschen, die 2023 überwiegend beziehungsweise ausschließlich durch Angehörige versorgt wurden.

Wenn ein erheblicher Teil dieser Pflege vollständig durch professionelle Dienste ersetzt werden müsste, würde das bedeuten:

mehr Pflegepersonal,

mehr ambulante Dienste,

mehr Pflegeeinrichtungen,

mehr Arbeitszeit,

mehr Kosten.

Die heutige Pflege durch Angehörige ist deshalb nicht nur ein privates Familienproblem.

Sie ist auch ein Bestandteil der gesamtgesellschaftlichen Versorgung.


Und die Entwicklung geht weiter

Das Statistische Bundesamt rechnet damit, dass die Zahl der Pflegebedürftigen weiter steigen könnte.

Nach der Pflegevorausberechnung könnte sie:

2035

bei etwa 6,3 Millionen

und

2055

bei etwa 7,6 Millionen

liegen.

Natürlich sind solche Vorausberechnungen keine Gewissheit.

Sie zeigen aber, vor welcher Größenordnung das System stehen könnte.


Unser Zahlenspiel

Stellen wir die Entwicklung noch einmal nebeneinander:

1998

👥👥👥👥👥👥👥👥👥👥
29 Beitragszahlende

👵

1 Leistungsempfänger

29 : 1


2025

👥👥👥👥👥👥👥👥👥👥
10 Beitragszahlende

👵

1 Leistungsempfänger

10 : 1


Und dahinter:

mehr als 6 Millionen Pflegebedürftige

plus

steigende Kosten

plus

längere Pflegedauern

plus

weniger Beitragszahlende pro Leistungsempfänger

Das ist die finanzielle Herausforderung.


Bedeutet das, dass die Pflegeversicherung vor dem Zusammenbruch steht?

Nein.

Aus diesen Zahlen lässt sich ein solcher Schluss nicht ableiten.

Aber sie zeigen sehr deutlich, dass die Finanzierung unter Druck steht.

Das Bundesgesundheitsministerium spricht inzwischen selbst von einer drastisch verschärften finanziellen Lage der sozialen Pflegeversicherung.

Als Gründe nennt es unter anderem die stärker als ursprünglich erwartete Zunahme der Pflegebedürftigen, steigende Kosten und den demografischen Wandel.

Die Frage lautet deshalb nicht:

„Funktioniert die Pflegeversicherung noch?“

Sondern:

„Wie soll sie langfristig finanziert werden?“


Und genau diese Frage betrifft uns alle

Vielleicht nicht heute.

Vielleicht auch nicht morgen.

Aber statistisch betrachtet steigt mit zunehmendem Alter das Risiko, pflegebedürftig zu werden.

Und irgendwann betrifft die Pflege deshalb fast jede Familie:

als Pflegebedürftiger,

als Angehöriger,

als Beitragszahler

oder als Steuerzahler.


Fazit

Die Pflegeversicherung zeigt besonders deutlich, wie stark sich ein Finanzsystem durch demografische Veränderungen verändern kann.

1998 kamen nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums noch 29 Beitragszahlende auf einen Leistungsempfänger.

2025 waren es nur noch 10.

Gleichzeitig stieg die Zahl der Pflegebedürftigen von rund 2,02 Millionen im Jahr 1999 auf knapp 5,7 Millionen im Jahr 2023 und liegt inzwischen bei über sechs Millionen.

Und ein Großteil der Pflege findet nicht im Pflegeheim statt.

86 Prozent der Pflegebedürftigen wurden 2023 zu Hause versorgt.

Rund 3,1 Millionen Menschen wurden dabei ausschließlich durch Angehörige betreut.

Das macht eine Sache sichtbar:

Die Pflegeversicherung besteht nicht nur aus Beiträgen und Auszahlungen.

Dahinter stehen Millionen Menschen, Familien, Pflegekräfte, Angehörige und ein Finanzierungssystem, das sich mit der Gesellschaft verändert.

Und genau deshalb lohnt sich der Blick hinter die Zahl.

Denn:

10 : 1

ist nicht einfach nur ein Verhältnis.

Es erzählt die Geschichte eines Systems, das sich innerhalb einer Generation grundlegend verändert hat.


NEW BANKING – Finanzen sichtbar gemacht

Wir machen finanzielle Zusammenhänge sichtbar, die im Alltag oft selbstverständlich erscheinen – bis man genauer hinschaut.

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