NEW BANKING – Finanzen sichtbar gemacht

Serie 2 · Das unsichtbare Finanzsystem · Folge 1

21,5 Millionen Rentner – aber wer bezahlt eigentlich ihre Rente?

Wir hören diese Zahlen immer wieder:

Millionen Menschen arbeiten.
Millionen Menschen beziehen Rente.
Die Gesellschaft wird älter.

Aber wie funktioniert die Finanzierung der gesetzlichen Rente eigentlich?

Und vor allem:

Wer zahlt heute tatsächlich in das System ein – und wer erhält daraus Leistungen?

Genau das wollen wir sichtbar machen.


21,5 Millionen Menschen beziehen gesetzliche Rente

Am 1. Juli 2025 bezogen in Deutschland rund 21,5 Millionen Menschen eine gesetzliche Rente.

Das ist eine gewaltige Zahl.

21,5 Millionen Menschen entsprechen ungefähr einem Viertel der Bevölkerung Deutschlands.

Doch diese Menschen finanzieren ihre laufende gesetzliche Rente nicht aus einem persönlichen Sparvermögen, das während des Arbeitslebens für sie angesammelt wurde.

Das deutsche System funktioniert grundsätzlich nach dem Umlageverfahren.


Was bedeutet Umlageverfahren?

Vereinfacht gesagt:

Die Einnahmen von heute finanzieren die Ausgaben von heute.

Die Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern werden im laufenden Verfahren zur Finanzierung der Renten verwendet.

Das Prinzip lässt sich vereinfacht so darstellen:

Heute arbeitende Generation

Beiträge

Rentenversicherung

heutige Renten

Die Menschen, die heute Beiträge zahlen, erwerben dadurch gleichzeitig Ansprüche auf ihre eigene spätere Rente.

Dann soll die nächste Generation die Finanzierung übernehmen.

Daher kommt der häufig verwendete Begriff:

Generationenvertrag.


Aber wie viele Menschen zahlen eigentlich ein?

Hier wird es interessant.

Die Deutsche Rentenversicherung betreute Ende 2024 rund 58,85 Millionen Versicherte ohne Rentenbezug.

Diese Zahl darf man allerdings nicht einfach mit der Zahl der Beitragszahler gleichsetzen.

Warum?

Weil sich hinter den Versicherten ganz unterschiedliche Gruppen verbergen.

Zum Beispiel:

  • versicherungspflichtig Beschäftigte
  • versicherungspflichtige Selbstständige
  • freiwillig Versicherte
  • Pflegepersonen
  • bestimmte Leistungsempfänger
  • weitere versicherte Gruppen

Die Rentenversicherung weist für Ende 2023 beispielsweise rund 40,1 Millionen aktiv Versicherte aus. Darunter befanden sich rund 33 Millionen Beschäftigte.

Daneben gibt es weitere Gruppen, etwa Selbstständige, Pflegepersonen oder Leistungsempfänger.

Damit sehen wir bereits:

Versicherte sind nicht automatisch Beitragszahler.

Und:

Erwerbstätige sind ebenfalls nicht automatisch identisch mit den Beitragszahlern der gesetzlichen Rentenversicherung.


Das ist der erste wichtige Aha-Moment

Wenn wir einfach sagen würden:

„40 Millionen Beitragszahler finanzieren 21,5 Millionen Rentner.“

wäre das zu einfach.

Denn die gesetzliche Rentenversicherung ist komplizierter.

Es gibt unterschiedliche Versichertengruppen.

Und es gibt zusätzlich eine weitere wichtige Einnahmequelle:

Steuermittel des Bundes.


Die Rente kommt nicht nur aus Beiträgen

Im Jahr 2024 hatte die gesetzliche Rentenversicherung Einnahmen von insgesamt rund 402 Milliarden Euro.

Davon entfielen rund:

305,8 Milliarden Euro

auf Beiträge

und rund

87,8 Milliarden Euro

auf Bundeszuschüsse.

Hinzu kamen weitere Einnahmen, unter anderem die Beteiligung des Bundes an der knappschaftlichen Rentenversicherung.

Das bedeutet:

Die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung besteht nicht ausschließlich aus den Beiträgen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Auch der Staat beteiligt sich mit erheblichen Mitteln.


Und wer bezahlt die Beiträge der Arbeitnehmer?

Auch hier steckt ein Detail, das viele Menschen im Alltag kaum wahrnehmen.

Bei versicherungspflichtigen Arbeitnehmern teilen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber den Beitrag grundsätzlich je zur Hälfte.

Der Arbeitnehmeranteil wird vom Gehalt einbehalten.

Der Arbeitgeber legt seinen Anteil dazu.

Der aktuelle Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung beträgt 18,6 Prozent.

Bei einem Bruttogehalt von beispielsweise:

4.000 Euro

beträgt der gesamte Rentenversicherungsbeitrag:

744 Euro

Davon grundsätzlich:

372 Euro Arbeitnehmer

372 Euro Arbeitgeber

=

744 Euro

Dieses Geld wird nicht auf einem persönlichen Konto des Arbeitnehmers für später angespart.

Es fließt im Rahmen des Umlageverfahrens grundsätzlich in die Finanzierung der laufenden Renten.


Das Geld macht also einen Kreislauf

Man kann es sich vereinfacht so vorstellen:

Arbeitnehmer

💼
Arbeit

Arbeitnehmer + Arbeitgeber

💶
Rentenbeiträge

Deutsche Rentenversicherung

🏦
laufende Einnahmen

Rentner

👵 👴
Renten

Und daneben steht:

Staat

🏛️
Steuermittel / Bundeszuschüsse

Deutsche Rentenversicherung


Was passiert, wenn sich das Verhältnis verändert?

Jetzt kommen wir zum eigentlichen Problem.

Das Umlageverfahren funktioniert nicht nach dem Prinzip:

Jeder spart seine eigene Rente an.

Es funktioniert nach dem Prinzip:

Die laufenden Einnahmen finanzieren die laufenden Ausgaben.

Damit wird die Zahl der Beitragszahlenden im Verhältnis zur Zahl der Rentenbeziehenden wichtig.

Und genau dieses Verhältnis verändert sich.

Die Zahl der Rentenbeziehenden steigt langfristig, während die demografische Entwicklung dazu führt, dass die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter relativ zur Zahl der älteren Menschen kleiner wird.

Das bedeutet nicht automatisch, dass das System zusammenbricht.

Aber es bedeutet:

Wenn weniger Beitragszahler auf mehr Rentenbeziehende kommen, muss die Finanzierung entsprechend angepasst werden.

Zum Beispiel durch:

  • höhere Beiträge,
  • höhere Bundesmittel,
  • Veränderungen beim Renteneintritt,
  • Veränderungen bei den Leistungen,
  • mehr Beschäftigung,
  • höhere Löhne
  • oder strukturelle Reformen.

Die Zahl hinter der Zahl

Und genau hier wird unser Zahlenspiel interessant.

Wir sehen:

21,5 Millionen

Menschen beziehen eine gesetzliche Rente.

Wir sehen:

58,85 Millionen

Versicherte haben keinen Rentenbezug.

Aber daraus folgt nicht:

58,85 Millionen Menschen zahlen für 21,5 Millionen Rentner.

Denn die Gruppe der Versicherten ohne Rentenbezug enthält unterschiedliche Personengruppen und ist nicht identisch mit der Gruppe der aktuellen Beitragszahler.

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieser ersten Folge:

Eine Zahl ist noch keine Erklärung.

Erst wenn man weiß, was genau hinter der Zahl steckt, wird ein Finanzsystem verständlich.


Und dann ist da noch der Staat

2024 nahm die Rentenversicherung rund 402 Milliarden Euro ein.

Davon kamen rund:

306 Milliarden Euro aus Beiträgen

und

88 Milliarden Euro aus Bundeszuschüssen.

Das bedeutet:

Ein erheblicher Teil der Finanzierung kommt nicht direkt aus den monatlichen Rentenbeiträgen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Er kommt aus dem Bundeshaushalt – und damit letztlich aus Steuermitteln.

Auch das ist Teil des Systems.


Warum ist das für jeden interessant?

Weil die gesetzliche Rente nicht nur eine Angelegenheit der Rentner ist.

Sie betrifft:

den Arbeitnehmer

den Arbeitgeber

den Steuerzahler

den Staat

die heutige Rentnergeneration

und

die Generation, die heute arbeitet und später selbst Rente beziehen möchte.

Alle sind miteinander verbunden.


Unser Zahlenspiel

Stellen wir uns Deutschland einmal nicht mit 84 Millionen Menschen vor.

Sondern mit 100 Menschen.

Dann könnte unsere Grafik vereinfacht zeigen:

👵👴 Rentenbeziehende

gegenüber

👨‍💼👩‍💼 aktiven Versicherten und weiteren Gruppen

und dazwischen:

GELD

Doch schon in diesem vereinfachten Bild müssten wir eine wichtige Fußnote anbringen:

Die Gruppen sind nicht direkt miteinander verrechenbar.

Denn das Rentensystem besteht aus mehreren Finanzierungsströmen.

Genau deshalb wollen wir in den nächsten Folgen noch genauer hinschauen.


Fazit

Die Frage

„Wer bezahlt eigentlich die Rente?“

hat keine Antwort mit nur einer Zahl.

Die gesetzliche Rentenversicherung wird vor allem durch Beiträge finanziert.

Diese stammen insbesondere von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, aber auch von weiteren versicherten Gruppen und in bestimmten Fällen von anderen Leistungsträgern.

Hinzu kommen erhebliche Bundeszuschüsse und weitere Bundesmittel.

Die laufenden Einnahmen werden im Umlageverfahren grundsätzlich für die laufenden Rentenausgaben verwendet.

Und deshalb ist die entscheidende Größe nicht nur:

Wie viele Rentner gibt es?

Sondern:

Wie viele Menschen tragen mit ihren Beiträgen zur Finanzierung des Systems bei – und wie entwickelt sich dieses Verhältnis?

Genau dieser Frage werden wir in den nächsten Folgen weiter nachgehen.

Denn hinter den großen Zahlen steckt ein Finanzsystem, das uns alle betrifft.


NEW BANKING – Finanzen sichtbar gemacht

Serie 2 · Das unsichtbare Finanzsystem

Wir machen finanzielle Zusammenhänge sichtbar, die im Alltag oft selbstverständlich erscheinen – bis man genauer hinschaut.

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