Rabatt nur noch mit Smartphone?
Wenn der Supermarkt plötzlich zwischen Kunden unterscheidet
Ich habe ein Problem mit einer Entwicklung, die inzwischen in immer mehr Supermärkten ganz selbstverständlich geworden ist:
Wer eine App hat, bekommt den besseren Preis. Wer keine App hat, zahlt mehr.
Klingt zunächst nach einem harmlosen Rabattprogramm.
Ist es aber wirklich harmlos?
Lidl hat Lidl Plus. Kaufland hat die Kaufland Card XTRA. REWE arbeitet mit REWE Bonus und App-Coupons. PENNY bietet eigene App-Preise und einen Rabattsammler. Netto hat Netto+. Auch bei EDEKA gibt es inzwischen ausdrücklich ausgewiesene App-Preise.
Das Prinzip ist fast überall ähnlich:
Smartphone heraus. App öffnen. Coupon aktivieren oder Kundenkarte scannen. Rabatt bekommen.
Und wer kein Smartphone hat?
Der bekommt den Rabatt eben nicht.
Ein kleines Beispiel – und plötzlich wird es konkret
Ich habe mir die aktuellen EDEKA-Angebote für die Woche vom 10. bis 15. August 2026 angesehen.
Fünf Produkte, die ausdrücklich mit einem App-Preis angeboten werden:
| Produkt | Ohne App | Mit App | Ersparnis |
|---|---|---|---|
| Philadelphia | 1,11 € | 0,99 € | 0,12 € |
| Wagner Pizza | 1,99 € | 1,79 € | 0,20 € |
| Albi Saft | 1,29 € | 1,11 € | 0,18 € |
| Melitta Kaffee | 5,99 € | 5,49 € | 0,50 € |
| Langnese Magnum | 2,99 € | 2,79 € | 0,20 € |
| Gesamt | 13,37 € | 12,17 € | 1,20 € |
Der App-Kunde spart bei diesen fünf Produkten knapp 9 Prozent.
Nicht theoretisch.
Nicht irgendwann.
An der Kasse.
Natürlich kann man sagen: „Dann soll sich der Kunde eben die App herunterladen.“
Aber genau hier beginnt mein Problem.
Was ist mit den Menschen, die keine App haben?
Nicht jeder Mensch besitzt ein Smartphone.
Und nicht jeder Mensch möchte eines besitzen.
Das ist keine theoretische Randgruppe.
Eine Bitkom-Studie zur digitalen Teilhabe zeigt: Bei den 65- bis 74-Jährigen nutzten 2025 rund 61 Prozent ein Smartphone; bei den über 75-Jährigen waren es nur 45 Prozent. Gleichzeitig nutzten 49 Prozent der 65- bis 74-Jährigen noch ein herkömmliches Handy.
Das bedeutet:
Ein erheblicher Teil der älteren Bevölkerung ist bei solchen Rabattmodellen schlicht nicht dabei.
Und gerade diese Menschen können von niedrigen Preisen besonders abhängig sein.
Viele Rentnerinnen und Rentner müssen mit einem festen monatlichen Einkommen auskommen. Da sind 1,20 Euro beim Einkauf nicht „nur Kleingeld“.
Wenn solche Unterschiede regelmäßig auftreten, summieren sie sich.
Und dann stellt sich eine ganz einfache Frage:
Warum muss ich meine digitale Identität nachweisen, um einen günstigeren Preis zu bekommen?
Warum muss ich dem Händler meine App geben?
Warum muss ich mich registrieren?
Warum muss ich ein Kundenkonto anlegen?
Warum muss ich Coupons aktivieren?
Warum muss ich ein Smartphone besitzen?
Und warum bekommt derjenige, der all das nicht möchte oder nicht kann, den schlechteren Preis?
Das ist für mich keine Frage der Technik.
Es ist eine Frage der Fairness.
ALDI macht es anders
Interessanterweise hat ALDI diese Entwicklung inzwischen selbst zum Thema gemacht.
ALDI Nord und ALDI Süd verzichten bewusst auf exklusive App-Rabatte und werben mit dem Prinzip:
Ein Preis für alle.
ALDI spricht sogar ausdrücklich von einer möglichen „Zweikassengesellschaft“ und kritisiert, dass Kunden ohne Smartphone oder ohne App bei anderen Händlern teilweise mehr für dasselbe Produkt bezahlen.
Das ist bemerkenswert.
Denn ALDI könnte natürlich ebenfalls eine Kundenbindungs-App mit exklusiven Preisen aufbauen.
Der Konzern entscheidet sich aber momentan bewusst dagegen.
Das Argument lautet sinngemäß:
Der Preis am Regal gilt für jeden.
Egal ob 20 oder 80 Jahre alt.
Egal ob iPhone oder Tastenhandy.
Egal ob technikbegeistert oder technikskeptisch.
Natürlich haben die Apps auch Vorteile
Und fairerweise muss man das sagen.
Supermarkt-Apps können praktisch sein.
Man kann Angebote vorher ansehen, Einkaufslisten erstellen, digitale Kassenbons speichern, Bonusguthaben sammeln und teilweise erheblich sparen.
Auch für Menschen, die ihr Smartphone gerne nutzen, sind solche Programme attraktiv.
Das ist nicht das Problem.
Das Problem beginnt dort, wo aus einem zusätzlichen Vorteil ein faktischer Nachteil für diejenigen wird, die nicht teilnehmen.
Denn ein Bonus ist etwas anderes als ein Preisunterschied.
Ein Bonus bedeutet:
„Du bekommst etwas zusätzlich.“
Ein App-Preis kann dagegen bedeuten:
„Du bezahlst mehr, wenn du nicht digital mitmachst.“
Und genau diesen Unterschied halte ich für gesellschaftlich relevant.
Besonders kritisch wird es bei denjenigen, die ohnehin wenig haben
Stellen wir uns zwei Menschen vor.
Person A
75 Jahre alt.
Kein Smartphone.
Feste Rente.
Sie geht einmal pro Woche einkaufen und kauft genau die Produkte, die sie benötigt.
Person B
45 Jahre alt.
Smartphone.
Mehrere Supermarkt-Apps.
Coupons werden aktiviert.
Kundenkarten werden gescannt.
Beide stehen an derselben Kasse.
Beide kaufen dasselbe Produkt.
Person B bekommt den günstigeren Preis.
Nicht weil sie weniger verdient.
Nicht weil sie bedürftiger ist.
Nicht weil sie mehr kauft.
Sondern weil sie eine App benutzt.
Ist das wirklich das Gesellschaftsmodell, das wir wollen?
Digitalisierung darf nicht zur sozialen Eintrittskarte werden
Ich bin keineswegs gegen Digitalisierung.
Im Gegenteil.
Digitale Angebote können unser Leben einfacher machen.
Aber Digitalisierung sollte zusätzliche Möglichkeiten schaffen – nicht bestehende Möglichkeiten abschaffen.
Ein Supermarkt sollte meiner Meinung nach sagen:
„Hier ist unser günstiger Preis. Wenn du unsere App nutzt, bekommst du zusätzliche Vorteile.“
Nicht:
„Der günstige Preis ist in unserer App. Wenn du keine App hast, zahlst du mehr.“
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Denn der erste Ansatz belohnt Digitalisierung.
Der zweite Ansatz bestraft Menschen, die nicht digital teilnehmen.
Und das betrifft nicht nur ältere Menschen
Heute denken wir vielleicht an unsere Eltern oder Großeltern.
Aber die Entwicklung geht weiter.
Immer mehr Bereiche unseres täglichen Lebens werden digital:
Banking.
Behördengänge.
Tickets.
Parken.
Arzttermine.
Kommunikation.
Einkaufen.
Rabatte.
Bezahlen.
Was heute noch freiwillig erscheint, kann morgen faktisch notwendig sein.
Und irgendwann stehen wir vielleicht vor einer Gesellschaft, in der Menschen ohne Smartphone nicht mehr denselben Zugang zu Leistungen und Preisen haben wie andere.
Das sollte uns nachdenklich machen.
Mein Fazit
Ich habe nichts gegen Supermarkt-Apps.
Ich habe etwas dagegen, wenn Menschen ohne App schlechter gestellt werden.
Gerade beim täglichen Einkauf von Lebensmitteln halte ich das für problematisch.
Denn Lebensmittel sind kein Luxus.
Und der Zugang zu günstigen Lebensmitteln sollte meiner Meinung nach nicht davon abhängen, ob jemand ein Smartphone besitzt, eine App installieren kann oder bereit ist, ein Kundenkonto anzulegen.
Sozial wäre:
Ein günstiger Preis für alle.
Und zusätzliche Vorteile für diejenigen, die eine App nutzen möchten.
Nicht sozial wäre:
Der normale Preis für alle – und der günstigere Preis nur für diejenigen, die digital mitmachen.
Denn am Ende geht es nicht um 20 Cent.
Es geht um eine viel größere Frage:
Wollen wir eine Gesellschaft, in der Digitalisierung Menschen verbindet?
Oder eine, in der Menschen ohne Smartphone zunehmend den Anschluss verlieren?
Für mich ist klar:
Rabatte dürfen ein Bonus sein.
Aber der Verzicht auf eine App darf nicht zum Nachteil werden.
Denn fair ist ein Preis dann, wenn er für alle gilt.

